• Noch heute gibt es im Iran Spuren der jüdischen Exilzeit, wie das Grab von Königin Esther und Mordechai. Foto: Philippe Chavin, Wikipedia | CC BY-SA 3.0 (C4I Deutschland)
Bibellehre

Bibelblick: Gott ist treu – Zurück zum Anfang

editor - 8. Juli 2026

Das Volk Israel hat eine jahrtausendealte Geschichte, davon berichtet das Alte Testament ausführlich. Das Spannende ist, dass Gottes Plan für sein Volk sich nicht geändert hat, allen geschichtlichen Wirren zum Trotz. Das offenbart auch ein Blick in das Buch Esra, das zudem mit einer interessanten Besonderheit aufwartet.

Von Pfarrer Henk Poot, Übersetzung Marie-Louise Weissenböck

Wir schlagen in diesem Artikel ein Buch im Alten Testament auf: das Buch Esra (Esra 1,1-4). Das Bemerkenswerte an diesem Buch ist, dass der Text, mit dem Esra beginnt, der gleiche ist, der die hebräische Bibel (den Tanach) abschließt: das Kyrus-Edikt. In diesem Edikt erlaubt der persische Großkönig Kyrus den Juden, in ihr Land zurückzukehren und es wieder aufzubauen – auch den Tempel. Damit erfüllt sich die Verheißung in Jeremia 29,10, dass das Exil nach 70 Jahren enden wird.

Der Anfang des Buches Esra ist faszinierend. Wichtig ist der geschichtliche Hintergrund: Die Exilzeit geht zu Ende und das mächtige Babylon ist von der neuen Supermacht Persien besiegt worden. Kyrus hat nun das Sagen. Doch der Herr lenkt die Geschichte nach seinem Willen. Dazu gebraucht er Kyrus. Damit sich das prophetische Wort des Herrn, gesprochen durch Jeremia, erfülle, erweckt Gott den Geist des Königs von Persien. Das hat wiederum einen besonderen Hintergrund. Den finden wir beim Propheten Daniel.

In Daniel 10 lesen wir, dass ein Engel des Herrn herabgestiegen ist, um mit dem Engelfürsten Persiens zu kämpfen. Das war ein mächtiger und zäher Engel, er leistete starken Widerstand. Der Kampf dauerte lange, so dass der Engel Gottes aufgehalten wurde, das Wort der Erlösung Israels an Daniel zu überbringen. Niemand stand dem Engel des Herrn in diesem Kampf zur Seite. Nur einer, nämlich Michael. Nun ist der Kampf vorbei, die Botschaft überbracht und der König von Persien spricht die Worte Gottes, die zur Rückkehr Israels führen: „Der HERR, der Gott des Himmels, hat mir alle Königreiche der Erde gegeben, und er hat mir befohlen, ihm ein Haus zu Jerusalem in Juda zu bauen. Wer nun unter euch von seinem Volk ist, mit dem sei sein Gott, und er ziehe hinauf nach Jerusalem in Juda und baue das Haus des HERRN, des Gottes Israels; das ist der Gott, der zu Jerusalem ist.“ (Esra 1,2–3)

Mit diesen Worten beginnt nicht nur das Buch Esra, mit ihnen endet auch das Buch 2. Chronik, welches das letzte Buch des Tanach ist. Die Reihenfolge der Bücher im Tanach ist diese: die Bücher Mose, die Propheten und schließlich die Schriften wie die Psalmen und Hiob sowie die Chronikbücher. Die spätere griechische Übersetzung hat eine sachlichere Gliederung: Das Gesetz Moses, dann alle historischen Schriften, anschließend die Poesie und schließlich die Propheten. Die spätere lateinische Übersetzung, die Vulgata, folgt mehr oder weniger diesem Schema, das auch von den meisten heutigen Übersetzungen übernommen wird. Daher enden unsere Übersetzungen mit Maleachi.

Die Gliederung der hebräischen Bibel ist aber anders. Die Tora (T) ist, so heißt es in der jüdischen Tradition, der Teil der Bibel, in dem Gott spricht. Die Propheten, die Nebi’im (N), sind Bücher, in denen im Namen Gottes gesprochen wird und die Schriften, die Chetubim (CH), sind Schriftrollen, die von Gott handeln. Deshalb diese drei Teile in ihrer Reihenfolge, dargestellt durch das Kürzel Tanach.

Auf dem Weg zum Anfang

Die letzten Worte der hebräischen Bibel besagen also, dass das Volk Israel die Diaspora, das Exil, verlassen und sich auf den Weg nach Zion machen muss. Und warum? Weil Gott sich auf den Weg zum Anfang macht. Das Buch Prediger drückt es in seiner Abhandlung über die Zeiten wunderschön aus: „Was da ist, das ist schon vor Zeitengewesen, und auch was sein wird, ist schon vor Zeiten gewesen; und Gott sucht das Vergangene wieder hervor.“ (Prediger 3,15)

Man könnte sagen, dass dies ein Gesetz in der Heilsgeschichte ist. Die Diaspora ist eine Anomalie. Der Herr bringt Israel zurück in sein Erbe, sein Land. Und warum? Weil sein Volk nicht dazu bestimmt ist, unter den Völkern umherzuirren. Er versammelt es an dem Ort, an dem er sich auf Erden eine Wohnstätte gesucht hat, wie es in Hesekiel 43,7a heißt: „Dies ist der Ort für meinen Thron und die Stätte für meine Fußsohlen, wo ich inmitten der Kinder Israels ewiglich wohnen will!“

Wenn Gott vom Land als seinem „Erbe“ spricht, ist das nicht einfach nur ein beliebiger Ort, sondern der Nabel der Welt. Man könnte sagen, dass der Herr den Lauf der Geschichte in Richtung des Anfangs umlenkt. Das kommende Reich ist, um mit den Worten Jesu zu sprechen, die Wiedergeburt der Erde (Matthäus 19,28). Dessen Mittelpunkt ist Jerusalem. Dorthin geht es. Und Jesus sagt, dass auch die zwölf Stämme Israels dort sein werden und dass die zwölf Apostel auf zwölf Thronen über diese versammelten Stämme Israels herrschen werden. Er wiederholt dies ausgerechnet während des letzten Abendmahls, das er mit seinen zwölf Jüngern, zwölf Vertretern Israels feiert (Lukas 22,30).

Die Welt will das nicht. Natürlich nicht, möchte man fast sagen. Und der Feind will es auch nicht. Er will so weit wie möglich weg von dem Ort, an dem alles begann, und würde am liebsten dafür sorgen, dass die Juden in der Diaspora bleiben und sich eines Tages auflösen. Aber Gott lenkt die Geschichte nach seinem Willen, in seiner Treue zu dem, was er einst begonnen hat, und so macht sich Israel auf den Weg zu seiner Ruhe: „So spricht der HERR: Ein Volk, das dem Schwert entflohen ist, hat Gnade gefunden in der Wüste. Ich will gehen, um Israel zur Ruhe zu bringen!“ (Jeremia 31,2)

Israel kehrt zurück: an den Anfang, in sein Land, zur Ruhe, in den Frieden Gottes. Kyrus, Trump und wer auch immer dazu bestimmt ist, muss darin dem Herrn dienen.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 62. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.