• Orit Mark Ettinger ist in Israel eine gefragte Rednerin zur Traumabewältigung. Foto: privat (Homepage C4I Deutschland)
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Eine Tragödie voller Hoffnung : „Sei Licht, wenn es kein Licht gibt“

editor - 23. Juli 2026

Schmerzhafte Verluste, unzählige Tränen und doch immer wieder neue Hoffnung: Die Geschichte der jungen Israelin Orit ist eine Einladung, selbst in Zeiten tiefster Dunkelheit Licht zu sein.

Von Dana Nowak

„Orit – mein Name bedeutet Licht. Also versuche ich, Licht zu sein.“ Die junge Frau auf der Bühne strahlt, als sie sich vorstellt. Resilienz entwickeln, an Schwierigkeiten wachsen, ein Licht für andere sein – darüber wird sie an diesem Abend auf einem Jugendkongress der Zentralwohlfahrtsstelle für Juden in Deutschland sprechen. Und dann zieht Orit die Zuhörer mit ihrer Lebensgeschichte in ihren Bann. Was die 26-Jährige durchgemacht hat, bringt die Anwesenden zum Kopfschütteln, Seufzen und Weinen und lässt sie am Ende doch hoffnungsvoll und inspiriert zurück.

„Ich bin in Othniel aufgewachsen, in Judäa. Als ich 16 Jahre alt war, kam mein Vater bei einem Terror-Anschlag ums Leben“, beginnt Orit zu erzählen. „Es war ein Freitagnachmittag. Meine Eltern fuhren mit zwei meiner Geschwister zu Großmutter nach Jerusalem. Ich blieb mit den anderen Schwestern und Brüdern zu Hause. Dann klopfte es. Mein Cousin Elchanan stand vor der Tür. Ich sah sofort, dass etwas nicht stimmte.“

Palästinensische Terroristen hätten auf das Auto der Familie 29 Schüsse abgegeben. Der Vater sei tot, Mutter und Geschwister verletzt, aber am Leben. Die Nachricht habe ihr damals den Boden unter den Füßen weggezogen. „Mein Vater war mein Kompass. Ich hatte keine Idee, wie es ohne ihn weitergehen sollte. Mutter war schwer verletzt. Die Ärzte kämpften um sie. Nach vier Monaten kam sie heim, als anderer Mensch. Sie wurde nie mehr richtig gesund und braucht seitdem eine Pflegerin“, erzählt Orit weiter.

„Wir können Leben verändern“

Als die Mutter noch im Krankenhaus lag, habe sie sie regelmäßig besucht. Dabei sei ihr eine Frau aufgefallen. „Sie war immer allein, also begann ich, mich mit ihr zu unterhalten. Sie war 75 Jahre alt und erzählte, dass ihre Kinder und Enkel anfangs noch gekommen seien, aber mit der Zeit sei es ihnen zu viel geworden. Ihre Einsamkeit hat mich sehr getroffen. Ich sah zwei Möglichkeiten: Entweder darüber klagen, wie schlimm es ist, dass diese Frau allein ist, oder sagen, wenn es für diese Frau kein Licht gibt, dann möchte ich ihr Licht sein“, so Orit.

Schlomi führt seine Schwester Orit anstelle des Vaters dem Bräutigam entgegen. Auch die Mutter der beiden nimmt an der Hochzeit teil. Der Terror-Anschlag 2016 hat sie auf einer Seite das Augenlicht gekostet, zudem leidet sie seitdem an einer Hirnverletzung. Foto: privat (Homepage C4I Deutschland)

Sie habe etwas verändern wollen und so gründete sie mit 17 Jahren die Organisation „Or Michael“, benannt nach ihrem Vater. „Sein Licht soll weiter leuchten.“ Mit „Or Michael“ rekrutiert Orit bis heute Freiwillige im ganzen Land, um in den Krankenhäusern Licht zu verbreiten und einsame Menschen zu besuchen. „Wir leben nicht nur in dieser Welt, wir können diese Welt auch verändern, wir können Leben verändern“, ist sich Orit sicher. „Wir stecken oft so viel Energie in Dinge, die wir nicht ändern können. Stattdessen sollten wir uns jeden Morgen dafür entscheiden, ein besserer Mensch zu werden. Wir können mit kleinen Dingen anfangen. Wenn ich etwas Schönes oder Gutes an jemandem sehe, dann sage ich es. Wie oft höre ich Leute nach dem Tod eines Menschen Loblieder auf ihn singen. Das ist schön, aber ich frage mich, haben sie diesem Menschen je zu Lebzeiten all die schönen Dinge gesagt? Wir können Menschen nicht ihren Schmerz nehmen, aber wir können ihnen Licht bringen, ihnen eine Freude machen“, erläutert Orit ihre Vision.

Sie selbst hatte nach einer Zeit der Trauer um ihren Vater beschlossen, zu leben und zu heiraten. Ihr ältester Bruder Schlomi begleitete sie anstelle ihres Vaters bei der Hochzeit. „Ich war trotz allem glücklich. Ich hatte einen wunderbaren Mann gefunden, wir hatten ein Haus und unser Leben.“

Doch Orit sollte nicht zur Ruhe kommen. Drei Jahre nach dem Tod ihres Vaters habe es eines nachts an die Tür geklopft. „Ein Nachbar war gekommen. Er teilte uns mit, dass mein Bruder Schlomi schwer verletzt im Krankhaus liegt. Schlomi war Offizier und arbeitete für den Mossad. In dieser Nacht war er mit dem Motorrad unterwegs. Er wurde von einem Beduinen überfahren, der mit überhöhter Geschwindigkeit und ohne Licht fuhr.“ Zwei Tage hätten die Ärzte um Schlomis Leben gekämpft. Zwei Tage habe die Familie gebetet. Doch Schlomi starb, mit nur 29 Jahren.

„Er hatte drei kleine Kinder. Ich habe nur noch geweint. Das war zu viel. Ich habe zu Gott gerufen: ,Warum lässt du so viel Schmerz zu? Warum all das Leid, warum Kriege, warum Antisemitismus, warum Krankheiten?‘ Ich erhielt keine Antwort. Irgendwann wurde mir klar, dass uns solche Schläge im Leben nicht einfach so treffen, dass sie einem höheren Zweck dienen und wir daraus etwas lernen sollen.“

„Gott weiß genau, was er tut, auch wenn ich es nicht verstehe“

Schlomi rettete nach seinem Tod fünf Menschen das Leben. Er hatte einen Organspendeausweis. „Der Tag, an dem mein Bruder starb, der Tag, der so traurig für mich war, war für fünf Familien der glücklichste Tag ihres Lebens. Das ist eine andere Sichtweise. Die Welt da draußen ist groß. Gott weiß genau, was er tut, auch wenn ich es nicht verstehe.“

Orit mit ihrem Sohn auf einem Jugendkongress der ZWST Anfang dieses Jahres in Hamburg. Foto: Gregor Zielke/ZWST (Homepage C4I Deutschland)

In den dunklen Zeiten habe sie immer wieder auch Hoffnung erfahren, betont Orit. Noch vor dem Tod ihres Bruders hatten Ärzte im Rahmen einer Routineuntersuchung eine chronische unheilbare Krankheit bei ihr festgestellt. Sie habe von einem Tag auf den anderen ihr Leben umstellen müssen. Ihre Erfahrungen damit hat sie auf Social Media geteilt. Nach dem Tod ihres Bruders, als sie noch sehr in Trauer war, sei sie in Jerusalem von einer Frau angesprochen worden: „Orit, ich folge dir auf Instagram. Du hast eine chronische Krankheit, genau wie ich.“ Die Frau habe erzählt, dass sie seit zehn Jahren gegen diese Krankheit kämpfte. „Doch sie hat wieder Mut gefasst, als sie gesehen hat, wie ich öffentlich über meinen Kampf mit der Krankheit berichtet habe. Wir suchen uns unseren Schmerz nicht aus, aber wenn wir durch unseren Schmerz anderen Menschen helfen, dann haben wir gesiegt.

Über ihren Umgang mit Schmerz und Trauer berichtet Orit in ihrem Buch „Ein gebrochener Lichtstrahl“. Die Botschaft: Wenn der Lichtstrahl des Lebens zerbricht, zerfällt er in viele kleine Lichtpunkte, die anderen Hoffnung schenken. Dabei sei es wichtig, der eigenen Trauer Raum zu geben. Sie selbst nehme sich bewusst immer wieder feste Zeiten zum Trauern. Sie erlaube sich, zusammenzubrechen und zu weinen. Aber sie erlaube nicht, dass Trauer ihr Leben beherrsche. Vielmehr sei es erstrebenswert, Tragödien des Lebens in Hoffnung zu verwandeln.

Albtraum 7. Oktober

Einen Monat nach Veröffentlichung ihres Buches erwachte Israel in einem Albtraum. Es war der 7. Oktober 2023. Hunderte Hamas-Terroristen aus dem Gazastreifen waren in das Land eingedrungen und ermordeten in einer in Israel noch nie dagewesenen Grausamkeit Kinder, Frauen und Männer. Sie vergewaltigten, folterten und entführten Israelis und es dauerte Stunden, bis die Armee vor Ort eintraf, um das Massaker aufzuhalten.

Auch Orits Cousin Elchanan kämpfte gegen die Terroristen – 15 Stunden am Stück war er im Einsatz und rettete mit seiner Einheit mehr als 100 Menschen im Kibbutz Be’eri das Leben. Doch dann fiel Elchanan. „Ich war am Boden zerstört. Elchanan war wie ein zweiter Vater für mich. Ich habe immer wieder versucht, das Gute im Leben zu sehen, Licht zu sein. Aber jetzt konnte und wollte ich einfach nicht mehr“, gesteht Orit.

Elchanan Kalmanson rettete am 7. Oktober 2023 mit seiner Einheit mehr als 100 Menschen im Kibbutz Be’eri das Leben, bevor er von Terroristen getötet wurde. Foto: privat (Homepage C4I Deutschland)

Israel befand sich im Krieg, das Volk war von dem Hamas-Überfall traumatisiert und tausende Reservisten, darunter auch Orits Mann, wurden in den Reservedienst einberufen.

„Das erste Mal in meinem Leben wollte ich absagen“

„Ich erhielt eine Nachricht von Soldaten im Norden. ,Orit, kannst du bitte kommen und unserer Gruppe Mut machen? Wir brauchen dich.‘ Das erste Mal in meinem Leben wollte ich absagen. Ich konnte einfach nicht mehr. Aber dann dachte ich: ,Haben sich diese Soldaten diesen Krieg ausgesucht? Vielleicht werden sie sterben. Wir wollten diesen Krieg nicht, aber wir Juden wissen, wir müssen ihn gewinnen, sonst gibt es uns nicht mehr.‘“ Also habe sie sich doch aufgerafft und sei in den Norden gefahren.

Aus der Asche des Holocaust

Nach dem Gespräch habe einer der Armeeangehörigen sie angesprochen: „Orit, ich stimme in allem mit dir überein. Wir müssen das Licht suchen und weitergeben. Aber wie? Das hier war nicht nur ein großer Anschlag, hier ist etwas Unglaubliches passiert.“ Er habe ihr dann von einem Jungen erzählt, dessen gesamte Familie am 7. Oktober ermordet worden sei. „Wie sollen wir da am Morgen aufstehen und uns dafür entscheiden, Licht in die Welt zu bringen?“

Sie habe lange überlegt und ihm dann geantwortet: „Denke an den Holocaust. Dort haben so viele nicht nur als einzige ihrer Familie, sondern als einzige ihrer ganzen Sippe überlebt. Sie hatten nichts mehr, kein Haus, kein Land, sie selbst waren nur noch Haut und Knochen. Ich weiß nicht, wie diese Menschen es geschafft haben weiterzumachen. Auch aus unserer Familie hatte einer überlebt, er hat nach vorne geschaut, ist nach Israel gekommen, hat sich verliebt und eine Familie gegründet. Er hatte einen Sohn, Benny Kalmanson, der hat eine Jeschiva (Talmud-Schule) in Othniel gegründet und Kinder bekommen, darunter einen Sohn, Elchanan. Und Elchanan, mein Cousin, hat in Be’eri mehr als 100 Menschen das Leben gerettet.

Was wäre mit den 100 Menschen, wenn dieser Großvater nach dem Holocaust aufgegeben hätte, weil es so dunkel um ihn war? Wie viele von uns wären nicht hier, wenn all die Holocaust-Überlebenden aufgegeben hätten und sich nicht dafür entschieden hätten, das kleine Licht zu sehen, an das Gute zu glauben und selbst Licht sein zu wollen, für die nächsten Generationen und für alle, die nicht mehr leuchten können?“

Mit dieser Botschaft reiste Orit anschließend durch ihr kriegsgebeuteltes Land, um Soldaten Mut zuzusprechen. Sie erinnert sich noch gut an den Abend des 31. Oktober 2023. Es war die erste Woche der israelischen Bodenoffensive im Gazastreifen. Auch ihr Bruder Pedayah, der den Terroranschlag 2016 im Auto überlebt hatte, war im Einsatz. Sie selbst hatte gerade in einer Armeebasis an der Grenze zum Gazastreifen gesprochen.

„Plötzlich hörten wir eine laute Explosion. Ich sagte zu den Soldaten: ,Ich muss mir keine Sorgen um meinen Mann oder Bruder machen, mir wurden schon drei Menschen genommen.‘ Dann bin ich gefahren. Unterwegs traf ich Verwandte und wir gingen etwas trinken. Da kamen Soldaten in das Restaurant. In Kriegszeiten bedanke ich mich immer bei Soldaten dafür, dass sie für unser Land kämpfen. Also bin ich hingegangen und habe mit ihnen gesprochen. Sie fragten mich, ob ich Orit sei. Als ich bejahte sagten sie mir, dass mein Bruder heute Abend in Gaza getötet wurde.“

Ihre erste Reaktion sei Unglaube gewesen. Vier Menschen in sieben Jahren zu verlieren, „das ergibt selbst in Israel keinen Sinn“. Doch Pedayah war tot. Er fiel mit 22 Jahren im Kampf gegen Hamas-Terroristen.

Orits Bruder Pedaya fiel mit 22 Jahren im Kampf gegen Hamas-Terroristen im Gazastreifen. Foto: privat (Homepage C4I Deutschland)

Licht oder Dunkelheit: wir haben immer eine Wahl

Auf Pedayahs Beerdigung habe ich beschlossen: Ich werde nicht aufhören. Ich weiß, dass es Licht nach der Dunkelheit gibt.“ Nach jedem Verlust, und sei er noch so schwer, habe sie neues Leben gesehen: Liebe, Ehe, ein Kind. Zeichen dafür, dass das Gute existiert, auch wenn das Böse real ist. „Wir dürfen das Gute nicht ignorieren, nur weil es Böses gibt. Wir haben immer die Wahl, ob wir uns auf Licht oder Dunkelheit fokussieren wollen.“

Orit ist sich sicher: „Wenn du noch auf dieser Welt bist, dann hat Gott eine Mission für dich. Er hat entschieden, dass er dich braucht.“ Orit hat sich immer wieder dafür entschieden, ihr Licht leuchten zu lassen. In Israel ist sie eine bekannte Influencerin und gefragte Rednerin bei Veranstaltungen zur Traumabewältigung. An diesem Abend ermutigt sie auch ihre Zuhörer in Hamburg: „Ob du glücklich oder traurig bist, ist nicht von deinen Lebensumständen abhängig, sondern es ist eine Entscheidung, die du triffst. Mach nicht die Welt für deine Gefühle verantwortlich. Es gibt jeden Tag etwas, wofür du dankbar sein kannst. Scheine, leuchte, mache die Welt zu einem besseren Ort.“

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Zeitung „Israelaktuell“, Ausgabe 62. Sie können die Zeitung hier kostenlos bestellen. Gerne senden wir Ihnen auch mehrere Exemplare zum Auslegen und Weitergeben zu.

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