Lieferant für drei Religionen: Zu Besuch beim „Mann der Stoffe“ in Jerusalem
Bilal Abu Khalaf, in Jerusalem als „Mann der Stoffe” bekannt, stieg vor über 40 Jahren in das Textilunternehmen seiner Familie ein. Er besitzt einen Stoffladen, der nur wenige Schritte von der Grabeskirche in der Altstadt Jerusalems entfernt liegt, direkt gegenüber der Lutherischen Erlöserkirche in der Aftimosstraße. Die Vorsitzende von Christen an der Seite Israels Österreich, Marie-Louise Weissenböck, hat Bilal mit einer Reisegruppe besucht.
Von Marie-Louise Weissenböck
Als wir seinen Laden betreten, stellt er sofort einen wohlduftenden arabischen Kaffee hin und bereitet unserer Gruppe Platz zum Sitzen. „Herzlich willkommen, wie schön, dass ihr nach Jerusalem gekommen seid, wo seid ihr her?“, fragt er mit einem fröhlichen und charmanten Lächeln. Seit Oktober 2023 ist es sehr ruhig geworden in der Aftimosstraße – eine Straße, in der sich normalerweise Touristen und Pilger tummeln. Offensichtlich ist Bilal daran gewöhnt, Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt zu treffen. Im Fenster des Ladens sind Artikel mit Fotos von ihm aufgeklebt. Er trägt seine übliche Kleidung: einen gestreiften, weißen Umhang (Jallabiyya), ein Seidentuch um die Hüfte und einen roten Hut (Fez) auf dem Kopf.
Bilal wurde 1961 im Ostjerusalemer Stadtteil Silwan geboren und lebt derzeit in Beit Hanina. Er ist glücklich verheiratet und hat fünf Kinder sowie zehn Enkelkinder. Seine Familie stammt ursprünglich aus Hebron und zog Ende der 1930er-Jahre nach Jerusalem. Sie bekennt sich zum muslimischen Glauben. Ihre Wurzeln reichen bis zur Ayyubiden-Dynastie von Salah al-Din al-Ayyubi zurück.
Auf seiner Visitenkarte bezeichnet sich Bilal als „Händler für alle Arten orientalischer Stoffe”, darunter Damastseide, Brokat, Samttischdecken, Vorhänge und Einrichtungsgegenstände. Auf die Frage, wie er seine Textilien und Stoffe beschreiben würde, strahlt Bilals Gesicht. Er spricht von diesen Artikeln fast so, als wären sie kostbare Lebewesen mit einer ganz eigenen Persönlichkeit.
Ehe er uns seine Stoffe vorführt, weist er uns auf den Boden seines Geschäfts hin, unter dem Reste der Kirche Santa Maria Maggiore, die aus dem 11. Jahrhundert stammt, zu sehen sind. Bilal ist erkennbar fasziniert von der Geschichte Jerusalems und schätzt es sehr, dass sein Laden innerhalb der Mauern der Altstadt liegt. Diesen Standort will er unbedingt behalten. „Abu Khalaf“ ist als Marke in Jerusalem sehr bekannt, da die Familie verschiedene Geschäfte in der ganzen Stadt besitzt. „Es gibt ein Sprichwort“, erzählt er, „das besagt, dass es 100 Segnungen auf der Welt gibt und 99 davon in Jerusalem zu finden sind. Nur eine einzige bleibt übrig, um den Rest der Welt zu durchstreifen. Es gibt keine Stadt wie Jerusalem.“
Vom Konsulat ins Stoffgeschäft
Bilal erzählt, dass er schon immer von Stoffen fasziniert war. Als Kind besuchte er die al-Mutran-Schule (St. Georges School) in Ostjerusalem und absolvierte anschließend sein Bachelorstudium in Politikwissenschaft an der Ain Shams-Universität in Kairo. Er hatte eine Vollzeitstelle im französischen Konsulat in Jerusalem, aber es dauerte nur etwas mehr als einen Monat, bis er diese Stelle kündigte und stattdessen in das Stoffgeschäft seines Vaters einstieg – ein Gewerbe, in dem seine Familie seit Generationen tätig ist.

Bilals Familie handelt seit Generationen mit wertvollen Stoffen. Dieses Erbe fortzuführen, erfüllt ihn mit Stolz. Foto: A. Pedarnig. (Homepage C4I Deutschland).
„Es hat mir unglaublich viel Freude gemacht, eine berufliche Laufbahn in diesem Bereich einzuschlagen und alles über Baumwolle, Leinen und die Stoffherstellung im Allgemeinen zu lernen“, erzählt er. Zwischen 1982 und 1983 absolvierte er einen sechsmonatigen Kurs in Spinnerei in Jordanien. Anschließend besuchte er eine Bekleidungsmesse in Syrien. „Ich importiere Stoffe aus Syrien, Indien und Marokko“, erzählt er begeistert.
Andere Religion, andere Stoffe
Angesichts der drei monotheistischen Religionen Jerusalems ist das Geschäft für religiöse Repräsentanten aller drei Glaubensrichtungen von Bedeutung geworden: Christliche (sowohl katholische als auch andere) Priester, Bischöfe und Kardinäle kaufen ebenso Stoffe bei Bilal wie jüdische Rabbiner und muslimische Imame. Auch Diplomaten, Botschafter, Bühnenbildner und Persönlichkeiten der High Society haben Waren vom „Stoffmann“ erworben, ebenso wie Pilger, Touristen und Passanten aus allen Gesellschaftsschichten.
Erzvater Abraham trug gern Weiß mit Streifen, erklärt Bilal. Bis heute haben die Samariter und die Ältesten von Jerusalem diese Kleiderordnung als ihre tägliche Kleidung beibehalten. Ultraorthodoxe Juden, so beschreibt er, tragen oft gestreifte Kaftane. Sie halten sich an die jüdischen Kleidungsvorschriften der Kaschrut, die ihnen verbieten, Kleidungsstücke aus Wolle und Leinen zusammen zu tragen. Die Kleidung – ob aus Seide, Baumwolle oder Wolle – muss aus natürlichen Materialien bestehen und darf nicht kombiniert werden. Dadurch sind Bilals Laden und seine rein natürlichen Produkte genau auf diese Bedürfnisse zugeschnitten.
Christliche Priester hingegen tragen oft Schwarz, allerdings erfordern Zeremonien und Festlichkeiten andere Kleidung. Laut Bilal tragen katholische Priester Rot zu Weihnachten, Violett zu Ostern, Grün zur Fastenzeit und Weiß an Sonntagen und zu Taufen. Zu diesem Thema erzählt Bilal gerne, dass Papst Johannes Paul II. während seines Besuchs in Jerusalem im Jahr 2000 seine Helfer persönlich „den Laden in Jerusalem, der für seine besten Stoffe bekannt ist“ besuchen ließ. Dort kauften sie einen besonderen weißen Seidenstoff, der mit neunkarätigem Gold bestickt war. Dieser in Jerusalem gekaufte Stoff wurde im Vatikan für den Papst zu einem Gewand verarbeitet.
Stoffe als Kulturgut
In einigen Fällen sind auf den Stoffen Bilder zu sehen, die fast schon für den Geschichtsunterricht dienen könnten. Während unseres Besuchs wählt Bilal ein Beispiel für einen weichen Seidenstoff aus, auf dem Kriegsbilder zu sehen sind: „Das sind die Krieger von Salah al-Din al-Ayyubi zu Pferd während der Eroberung Jerusalems durch die Kreuzritter“, erklärt er. Dies bezieht sich auf die Schlacht von Hittin im Jahr 1187. Die hier ausgestellten Stoffe, die mit Gold und manchmal auch mit Seide auf Seide verziert sind, sind Beispiele für die islamische Kultur, da einige der Designs kurz nach dem Sieg zu Ehren der arabischen und islamischen Errungenschaften entstanden sind, erklärt er.
„Syrien hat die besten Stoffe; sie werden ausschließlich von Hand gewebt“, betont er. „Sie verwenden Seide auf Seide und verstehen es meisterhaft, Goldfäden einzufügen.“ Tadmor (Palmyra) in Syrien ist besonders bekannt für seine außergewöhnlichen Stoffe und raffinierte Kleidung. „Sie sind sehr kunstvoll im Umgang mit Stoffen und im Handspinnen“, fügt Bilal hinzu. Leider konnte er Syrien seit 2014 nicht mehr besuchen. „Wir erleben gerade schwierige Zeiten“, meint er. Aber die gab es immer wieder und er weiß, dass am Horizont immer Hoffnung ist.
