Warum eine Israelin froh ist, jetzt in Israel zu sein
Nach jüdischer Tradition ist man im Monat Adar aufgrund des Purim-Festes angehalten, fröhlich zu sein. Doch seit dem 28. Februar ist in Israel aus wochenlanger Anspannung, wann der nächste Krieg mit dem Iran beginnt, harte Realität geworden. Die Nerven der Israelis sind aufs Äußerste strapaziert. Wie geht es ihnen in diesem Spannungsfeld? CSI-Mitarbeiterin Livia Tiersch hat bei ihrer Freundin Tehila nachgefragt.
Von Livia Tiersch
Tehilah lebt mit ihrer einjährigen Tochter in Bat Yam. Als Einzige ihrer Familie kam sie vor einigen Jahren aus Frankfurt am Main nach Israel; der Großteil ihrer Familie ist in Deutschland geblieben. Als der Iran während des Zwölf-Tage-Krieges im vergangenen Sommer Raketen auf Israel hageln ließ, hielt sie sich gerade bei ihrer Familie in Deutschland auf und konnte zunächst nicht nach Israel zurückkehren. „Es war schwer, damals so weit weg zu sein und von außen mitzuerleben, was deine Freunde und deine zwei Katzen zu Hause gerade durchmachen“, erinnert sich Tehila. Bei einem der Angriffe wurde Bat Yam direkt getroffen, wodurch das Haus einer ihrer Freundinnen stark beschädigt wurde.
Harte Zeiten gemeinsam meistern
Diesmal ist Tehila trotz allem froh, in Israel zu sein. „Ich bin hier mit meinen Leuten. Das gibt mir das Gefühl, ich bin da, wo ich hingehöre. Das ist mein Zuhause. Israel ist Verpflichtung für mich. Wenn man nach Israel zieht, dann muss man das Land mit seinen positiven und mit seinen negativen Seiten nehmen. Der Krieg gehört zu den negativen Seiten, das muss man einfach akzeptieren. Auch wenn wir hier sehr schwere Wochen erleben – wenigstens habe ich nicht das Gefühl, mein Zuhause im Stich zu lassen. Ich bin dieses Mal einfach froh, mit meinen Leuten zu erleben, dass wir hier Geschichte schreiben, hier zusammenhalten.“
In den Schutzräumen kommen oft alteingesessene Israelis mit Neueinwanderern zusammen. Eine Frau, die Tehila bei einem der Luftalarme gegenübersaß, stellte ihr die Frage, wo es besser sei – außerhalb von Israel oder im Land. Tehilah antwortete ihr ohne zu zögern: „Hier, zu hundert Prozent“. Eigentlich sei sie sogar erleichtert, dass etwas passiert ist und so vielleicht endlich die Terrorachse zerschlagen werden kann. Zuvor habe man lange in Ungewissheit darüber gelebt, ob und wann es losgeht.
Purim feiern trotz schwierigster Umstände
Bedeutsam sei für Tehila auch der Zeitpunkt des Angriffes gewesen: Purim, das Fest, an dem an die Geschichte von Esther und Mordechai erinnert wird. Gleichzeitig wurde am vorhergehenden Schabbat in den Synagogen der Text aus Exodus 17 gelesen, der vom Kampf gegen die Amalekiter berichtet. „Ausgerechnet an den Tagen, an denen wir uns an die Siege über unsere Feinde erinnern, haben wir den Krieg begonnen – es ist unglaublich, wie sich alles wiederholt. Man hat das Gefühl, wir schreiben gerade Geschichte.“

Auch das ist Kriegsalltag: Der Spaziergang der Kindergartengruppe von Tehilas Tochter endet im Schutzraum.
Obwohl mit Kriegsausbruch alle Purim-Veranstaltungen abgesagt werden mussten, ließen sich die Israelis die Purim-Freude nicht rauben. Selbst in den Bunkern wurde gefeiert und getanzt. „Wir haben das Fest nicht ausfallen lassen. Wir haben Purim mit Kind und Kegel mit in den Schutzraum genommen“, berichtet Tehilah.
Zwischen den Raketenalarmen versuchen die Israelis, ein kleines Stück Normalität zu leben. Geschäfte öffnen für ein paar Stunden, die Menschen gehen ihrer Arbeit nach, so gut es irgend geht. Nur Bildungseinrichtungen bleiben geschlossen, so dass die Kinder bei ihren Eltern zuhause bleiben. „Das ist schon ein bisschen anstrengend für die Eltern“, so Tehila. „Aber man versucht, den Moment so zu nehmen, wie er ist, und die Zeit zusammen zu genießen. Jammern bringt nichts – ganz im Gegenteil. Und wir haben immer noch den Monat Adar, in dem wir verpflichtet sind, fröhlich zu sein. Und genau das lassen wir uns nicht nehmen.“
